Sprache in den Sozialwissenschaften

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Herausgeber: Karsten Krüger
Jahr: 2005
Zusammenfassung: Im Jahr 2005 wurden die ersten Nummer der sozialwissenschaft-lichen Zeitschrift des mehrsprachigen Portals dia-e-logos in drei Sprachen vorgestellt, in dem Beiträge, die zuvor in anderem wissenschaftlichen Medien auf Deutsch, Englisch oder Spanisch veröffentlicht wurden. Das Thema der ersten Nummer war die Kommunikationssprache in den Sozialwissenschaften. Die Artikel waren in die damalige allgemeine Debatte über die sprachliche Vielfalt in den Sozialwissenschaften eingebettet. Diese Diskussion stellte nicht in Frage, das Englisch im internationalen sozialwissenschaftlichen System als ‚lingua franca’ verwendet wird oder verwendet werden sollte, aber es werden problematischen Aspekte angesprochen:

• der Einfluss der ausschließlichen Verwendung von Englisch in der Wissenschaft auf die nationalen Wissenschaftssysteme und deren Beziehung zur Gesellschaft.
• Die Bedeutung von Englischkenntnissen für Bewertung der Qualität wissenschaftlicher Arbeiten und auf das internationale Publikationssystem, die mit einer Geringeschätzung von Forschungsarbeiten einhergeht, die in anderen Sprachen veröffentlicht werden.
• Die Dominanz des englischsprachigen Publikationssystems und der theoretischen Konzepte und Ansätze dieser Kulturräume.

Im Rückgriff auf die Unterscheidung von J. House (2003) zwischen Identitätssprache und Kommunikationssprache besteht kein Zweifel daran, dass Englisch heute die allgemeine Kommunikationssprache in der Wissenschaft ist. Die ausschließliche Verwendung von Englisch in den Wissenschaftssystemen, d.h. die Transformation von Kommunikationssprache zur berufsbezogenen Identitätssprache, führt jedoch insbesondere in den Sozialwissenschaften zu Problemen. J.L Ramirez verweist in seinem Artikel auf die verschiedenen in Sprachen imprägnierten Logiken, die bei einer exklusiven Verwendung des Englischen verloren gehen würden. Laut de Swaan (2003) bietet eine allgemeine Kommunikationssprache in den Sozialwissenschaften sowohl für den einzelnen Forscher als auch für die wissenschaftliche Gemeinschaft so viele Vorteile, dass auf den Gebrauch von Englisch nicht verzichtet werden sollte. Bei der Verwendung von Englisch muss jedoch immer ein kritischer Abstand eingehalten werden, damit es nicht zur unkritischen Verwendung angloamerikanischer oder britischer Theoriekonzepte kommt.
10 Jahren nach ihrer ersten Veröffentlichung in dia-e-logos, entsteht bei der Erstellung dieser neuen Veröffentlichung in einem einzigen Band der Eindruck, dass der schon damals aussichtslose erscheinende Kampf um die sprachliche Vielfalt in den Sozialwissenschaften – unter Anerkennung des Englische als ‚lingua franca’ – jetzt definitiv verloren ist. Trotzdem sind die damaligen Argumente noch heute gültig und weisen auf die Gefahr hin, dass sich internationale sozialwissenschaftliche Diskurse von lokalen Realitäten entkoppeln.

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